Leichenschau
Halli Hallo! In dieser Newsletterfolge geht es diesmal um Leichen. Das ist nicht appetitlich, aber es muss sein. Denn irgendwie habe ich es hinbekommen, zwei Dinge zu fabrizieren, in deren Titeln das Wort Leiche auftaucht. Aber eins nach dem anderen.
„Die Waffen liefern die Reichen - die Armen liefern die Leichen“ - Dieser Ausspruch, den man nun wieder häufiger auf linken
Plakaten und Bannern auf Demonstrationen liest, transportiert eine Wahrheit, die so prägnant ist, dass es weh tut: Er zeigt den Interessengegensatz von Arbeiter*innen und Kapitalist*innen auf. Die einen schicken hin, die anderen werden hingeschickt. Die einen Verdienen, die anderen zahlen den Blutzoll.
Einer, der die Leichen lieferte, im wahrsten Sinne des Wortes, war mein Großvater. Mein Großvater brachte als politischer Gefangener in Sachsenhausen Leichen auf einem Karren aus den Gaskammern zu den Verbrennungsöfen. 85 Jahre später besucht sein Enkel, das bin ich, eine Trauerfeier für einen alten Bekannten, der sich suizidiert hat. Gleichzeitig verhungern Menschen in diesem Land, werden Menschen zwangsgeräumt und mit Totalsanktionen belegt. Sind alle drei Beispiele am Reißbrett von mir zusammengefügt worden, oder ergibt sich daraus ein Bild? Und wenn ja, was sagt uns dieses Bild? Vielleicht dies: vielleicht sind die liberale Demokratie und der historische NS-Faschismus nicht zwei diametral gegenüberstehende Ideologien, sondern Teil eines Verlaufs bürgerlicher Herrschaft.
In meinem neuen Buch „Die Armen liefern die Leichen“ nehm ich euch mit auf eine Reise in meine Texte, Kommentare und Essays, die ich in den letzten Jahren geschrieben habe - und es sind auch ein paar Texte dabei, die exklusiv für diesen Band entstanden sind. Die Texte sind in drei Abschnitte untergliedert: Positioniert euch - radikalisiert euch - organisiert euch! Sie fungieren einerseits als Aufruf zum Handeln, gleichzeitig sind sie Teil meiner eigenen Radikalisierung.
Die Texte dieses Bands zeigen einen Verlauf, sie sind die Chronik meiner Politisierung - die anhält. Für mich ist das das tatsächlich Aufregende: das Unfertige zu zeigen, anstatt bloß die Ergebnisse erfolgter Politisierung zu erzählen. So sind die Texte auch als Ermutigung an diejenigen zu lesen, die sich, so wie ich auch, auf den Weg machen, weil ihnen alte Wahrheiten abhandengekommen sind, und sich neue Wahrheiten noch nicht zu einem fertigen Bild zusammengefügt haben. Diese anhaltende Unsicherheit zuzulassen und von ihr aus zu erzählen, das ist für mich eines der vielversprechendsten Dinge, die ich tun kann.
„Die Armen liefern die Leichen“ erscheint im September 2026 beim Letatlin Verlag.
Tut mir einen Gefallen und bestellt den Band vor, gerade die Vorbestellungen sind für das Buch mit am wichtigsten.
https://letatl.in/products/olivier-david-die-armen-liefern-die-leichen-texte-uber-krieg-krise-und-kultur
Fragt mich gerne für Lesungen an, besprecht den Band, nur so funktioniert es!
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Die nächste Leiche erwartet euch in einer Ankündigung, bei der ich mich irre freue, sie euch mitzuteilen. Ich habe das erste Mal einen dramatischen Text geschrieben, und zwar heißt das Theaterstück
Nur über meine Leiche
Und so klingt der Ankündigungstext:
Drei Männer, drei Generationen, drei Entscheidungen auf die Frage: Was tue ich, wenn es zum Krieg kommt? Der namenlose Ich-Erzähler im Monolog „Nur über meine Leiche“ reflektiert drei Generationen des Umgangs mit Kriegen und Wehrdienst in seiner Familie. Von seiner eigenen Verweigerung ausgehend taucht er in die Geschichte seines Großvaters ein, der 1940 als Landesverräter angeklagt und nach Sachsenhausen deportiert wurde. Über seinen Vater und dessen Inhaftierung während seines Wehrdienstes bei der französischen Armee schlägt der Ich-Erzähler die Brücke in die Gegenwart: Wie würde ich mich heute entscheiden, wenn es zum Krieg kommt? Vor dem Hintergrund einer neu aufkommenden Debatte um Kriegstüchtigkeit und Wehrdienst, fragt das Stück nach den gesellschaftlichen und persönlichen Traumatisierungen, die im Faschismus wurzeln und bis in die Gegenwart prägen. „Erleben wir das Aufkommen eines neuen Faschismus?“, fragt der Ich-Erzähler. „Nein, so einfach ist es nicht“, beschwichtigt er. „Und doch brauchen wir nicht so tun, als gäbe es zwischen meinem Großvater und dem Leichenkarren, auf dem er in Sachsenhausen die Ermordeten zu den Verbrennungsöfen bringen musste und dem Hier und Jetzt keine direkte Verbindung“.
Der Monolog feiert seine Premiere in der kommenden Spielzeit am 02. Oktober 2026 auf der Labor-Bühne vom Ernst Deutsch Theater. Haltet Augen und Ohren auf für den Kartenvorverkauf.
https://www.ernst-deutsch-theater.de/programm/veranstaltung/nur-ueber-meine-leiche-502
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Dazu kommt „Keine Aufstiegsgeschichte“ in der neuen Spielzeit am Ernst Deutsch Theater wegen des großen Zuspruchs nochmal für vier Termine Anfang September auf die Bühne. Wenn ihr es bis jetzt noch nicht geschafft habt, dann ist jetzt die Gelegenheit. Und Achtung: holt euch rechtzeitig Karten, die letzten Vorstellungen waren allesamt ausverkauft!
Hier gehts zu den Karten: https://www.ernst-deutsch-theater.de/programm/veranstaltung/keine-aufstiegsgeschichte-490
Das war es an dieser Stelle. Euch einen guten Juni,
Olivier

